— Cultural Sources of Newness

Aus der Arbeit der Abteilung „Kulturelle Quellen von Neuheit“

Vortrag (leicht gekürzt) von Michael Hutter am WZB 18.11.2011

Im Zentrum des Forschungsprogramms unserer Abteilung steht Neuheit. Im Deutschen ist es doppeldeutig – sowohl Objekt als auch Eigenschaft. Im englischen ist das nicht möglich, da müssen wir uns festlegen, und wir haben ‚newness’ gewählt – uns geht es primär um die Eigenschaft der Neuheit, die einem Objekt oder einer Handlung zugesprochen wird. Irgendetwas war bislang nicht da oder wurde zumindest nicht wahrgenommen, jetzt wird es wahrgenommen, und wird für bedeutend genug gehalten, um das Prädikat ‚neu’ zu bekommen. Dieser Vorgang, dieses Phänomen wird auch in der Innovationsforschung wahrgenommen. Allerdings geht es in der einschlägigen Literatur stärker um Verbesserung – ein Problem wird identifiziert, es wird gelöst und die Lösung ist das Neue. Dabei tritt der Aspekt der Überraschung – in den Hintergrund. Der ist aber entscheidend, denn er macht genau die Kontingenz, die Unvorhersehbarkeit aus, die das Neue kennzeichnet. Es geht uns also stärker um Schöpfung – um das Hervorbringen von etwas, das so noch nicht bekannt war, wofür deshalb auch die Kriterien fehlen, um die Qualität einzuschätzen.

Erst einmal ist unsicher, ob es sich um eine Abweichung oder um einen Gewinn handelt. Um etwas als Neu, und zwar als wertvoll neu zu bezeichnet, braucht es Kriterien, Personen, die legitimiert sind, diese Kriterien anzuwenden, etwa Experten, Kritiker, Nutzer, und Diskurse, in denen die Einschätzungen diskutiert werden – kurz, einen komplexen Prozess der Valorisierung. Das ist ein Prozess, der, ökonomisch gesprochen, stattfindet, bevor sich überhaupt ein Preis bilden kann. Valorisierung kann Marktpreise mit einschließen, aber sie findet in vielen Bereichen vor oder überhaupt ohne dieses Koordinationsmedium statt. Valorisierung ist aber kein Prozess, der das Neue als gegeben annimmt und dann mit neutralen Verfahren seinen Wert bestimmt. Es handelt sich vielmehr um einen Prozess, bei dem vorhandene Wertzuschreibungen auf mehr oder weniger subtile Weise auf das Neue übertragen werden, um es in die vorhandenen Wertordnungen einzufügen und damit gesellschaftlich behandelbar zu machen. Wir nennen diesen Prozess den Prozess der Inwertsetzung.   

Nun kann man sich diesen Prozess der Inwertsetzung, als Forschungsgegenstand, aus verschiedenen Perspektiven nähern. Man kann dahinter mehr oder weniger rationale Intentionen vermuten, oder man kann nach mehr oder weniger evidenten Regeln suchen, oder aber man kann von der Annahme ausgehen, dass die Wertsetzung auf kulturelle Muster der Wertfindung und –bestimmung zurückgreift. Diesen dritten Weg verfolgt unser Programm. Wir sehen also Inwertsetzung als einen Vorgang, der von Einstellungen und Urteilen geprägt ist, die kulturell geprägt sind. Kulturell ist dabei eine Zuschreibung, die sehr schwer zu fassen ist – und das ist ja auch der Grund, warum sie in den Sozialwissenschaften so wenig Beachtung findet, obwohl gleichzeitig dauernd von Diskussionskultur, Organisationskultur, Leitkultur und mannigfachen weiteren Varianten die Rede ist.

Wir haben deshalb 2008 angefangen mit den Auswirkungen des Einsatzes von Kunst – eine Variante von Kultur, die sich zumindest explizit abgrenzt und vorführt, wie da eine eigene Welt der Wertung in der Gesellschaft virulent sein kann.  Wir wollten uns aber nicht beschränken auf diese enge Definition von Kultur, wir waren insbesondere interessiert am Neuen und der Zuschreibung von Neuheit in komplexen urbanen Milieus. Abstrakter ist die Vorstellung von Kultur als einer Agglomeration gemeinsamer Praktiken. Noch stärker verallgemeinert, und damit auch im Einklang mit der aktuellen kulturtheoretischen Diskussion, ist die Rede von Material- und Symbol-Komplexen, in denen sich bestimmt Verhaltensroutinen, Sprechweisen, Artefakte und Werthaltungen zu einer Kultur verdichten.

Was damit gemeint sein kann, wird gleich etwas klarer wenn ich nun zu den Projekten komme, die sich zwar ganz unterschiedliche Vorstellungen von Kultur als Ausgangspunkt wählen, die aber koordiniert sind durch eine gleiche Fragestellung: wie wirken sich bestimmte kulturelle Kontexte auf Neuheit, auf die Inwertsetzung des Neuen aus? Welche kulturellen Bedingungen begünstigen, und welche behindern das Neue? Dazu möchte ich Ihnen einen kurzen Überblick geben über die Projekte, die derzeit in der Abteilung vorangetrieben werden. Angefangen haben wir mit 7 Projekten, 8 weitere sind dazu gekommen. Zwei davon stehen kurz vor dem Abschluss, einige weitere sind in der Planung. Ich habe in der Darstellung nicht unterschieden nach Umfang, etwa den zwei Dissertationen, dem VW-Projekt zu Wissensordnungen, oder dem Brückenprojekt, mit Dissertation, zur kulturellen Rahmung von ökonomischen Experimenten (übrigens findet heute das Pilotexperiment statt!).

„Erdbebenbau“ will ich kurz vorstellen: Das Projekt wurde angeregt von unserem Beiratsvorsitzender, Peter Katzenstein. Ignacio Farias aus Chile hat das Projekt rasch aufgesetzt, inzwischen liegt ein erster Entwurf auf Spanisch vor. Er ist zur Zeit in Toronto, hat uns einige Folien geschickt, damit Sie sich einen Eindruck von der Lage machen können: Umfang des Schadensgebietes einer Stadt, rascher Transfer an neue Besitzer. Verwerfungen auf der Anbieter- und der Nachfragerseite. Insbesondere: nach welchen Qualitäten wird ausgewählt, wenn der Preis der alternativen Häuser gleich ist? Wie wird „qualkuliert“?

Auszug aus einer Präsentation im Rahmen des Projekts "Erdbebenbau" von Ignacio Farias

In anderen Projekten behandeln wir verschiedene Kulturvarianten:

• Kunst – Praktik der Intervention in Organisationen/ Bildkunstwerke und Konsumgütermärkte

• Stadt – explizite Quartierskulturförderung/ Stadtleben testet Beleuchtungsarrangements

• Experten – Verbraucherschutz und Arbeitsmarktpolitik/ Kunstkritiker • Profession – Produktdesigner/ Ökonomen/ Architekten

• Kollaborationskultur – Team, Allianz, Organisation

• Material-Symbol-Komplexe: Studios und Ateliers/ issue networks/ sozioalgorithmische Netzwerke. Im Postdoc-Projekt von Thomas Pätzold, gefördert und mitbetreut vom Centre of Excellence for Creative Industries and Innovation in Brisbane geht es um Übersetzungen zwischen den Länderversionen von Wikipedia – meist in’s englische, aber beispielsweise auch in’s chinesische. Von den Übersetzungen werden zur Zeit bis zu 40% von Algorithmus-Maschinen geleistet. Sie sind Teil der Symbolkomplexe, in denen neuartige Übersetzungsergebnisse auftauchen und wertgeschätzt werden.

Struktur von Übersetzungen von Wikipedia Artikeln. Aus der Arbeit von Thomas Petzold

Auf dem Hintergrund dieser kulturellen Prägungen wird jetzt in den einzelnen Projekten danach gefragt, wie Inwertsetzung inszeniert wird – also nicht stattfindet, wie ein thermodynamischer Prozess, sondern mit Bedacht so in Szene gesetzt wird, wie eine Opernaufführung, sodass sie Resonanz findet in den jeweiligen Öffentlichkeiten.Die unterschiedlichen Verfahren, die wir beobachten, geben dem Inwertsetzungsprozess Profil.

• Auffälligstes Beispiel: Valorisationsallianzen und –agenturen im Automobilsektor.

• Materialität – Symbolartefakte in Kreativarbeitsplätzen/ Bewertung von Lichtkegeln/ verlorene Materialität von Büchern _ Google-Books heißen nur noch books, sind aber Leistungen – Übersetzungen wechseln die Materialität.

• Narrative – Geschichten in Teams, in Labors, unter Experten und in Behörden

• Multiple Rationalitäten – Wertschätzung in Wirtschafts- und Kunstspielen • Markt – aber inszeniert für die speziellen Bedingungen

• Kritik und Preisung: Ein Projekt, das ich selbst betreue, bei dem die semantischen Konstrukte verglichen werden, mit denen über 50 Jahre hinweg Kunstkritiker Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst bewerten. Ein erster Pilot, codiert in atlas.ti, zeigt frappante Unterschiede in den Konstrukten.

Semantische Struktur einer Auswahl von Kunstkritiken der Jahre 1965/66

Das also ist der Teil, der in der weiteren Arbeit Priorität hat. Wir wollen im Vergleich der Einzelstudien so weit kommen, dass wir eine kultur- und wirtschaftssoziologische, empirisch grundierte Theorie von Inwertsetzungsprozessen vorlegen können.

Darüber hinaus verfolgen wir im Hinblick auf Neuheit ein zweites Thema: die Quellen der Varianten, aus deren Überfluss diejenigen selektiert und gewertet werden, denen Neuheit zugesprochen und die dann möglicherweise zu Innovationen ausgebaut werden. Wir hatten anfangs sogenannte Spannungszustände im Blick, jetzt suchen wir eher nach Devianzen, nach Dissonanzen, nach Irritationen, und nach den kulturellen Differenzen, die diese Abweichungen von irgendeiner Routine ausgelöst haben. Wir suchen gleichzeitig nach der Fähigkeit solche oft zufälligen Varianten zu erkennen, zu ergreifen, und „etwas daraus zu machen“, also kreativ zu sein. Wir versuchen hier den Bezug zwischen kulturellen Kontexten und dem Auftreten von Kreativität in sozialen Verbünden, herzustellen, also einer Form von Kreativität, an der viele Menschen beteiligt sein können. Wie kommt dieser Aspekt in den Projekten vor? In der Mehrzahl der Projekte drängt sich der Einfluss der involvierten kulturellen Differenzen auf die Generierung von neuen Varianten geradezu auf.

Es gibt aber auch Projekte, die davon absehen – etwa Kunstkritik, Wissensordnungen, Valorisierungsallianzen und kulturelle Rahmung von Experimenten. Es handelt sich also bei der Neuheit eigentlich um ein Wechselspiel zwischen Neuschöpfung und Inwertsetzung, bei dem wir uns, um die Komplexität in Schach zu halten, erst einmal auf die kulturellen Quellen der Inwertsetzung konzentrieren.

Die Abteilung wird sich nächste Woche zu einer Klausurtagung treffen, um die gemeinsame Strategie für die verbleibende Forschungszeit zu besprechen. Diese Selbstreflexivität ist nicht nur ein rhetorischer Schlenker, sondern sie ist essentiell für das erkenntnistheoretische Niveau, auf dem das Phänomen der Neuheit behandelt werden muss. Wir haben nicht nur hochgesteckte Publikationsziele, wir sind auch sicher, dass unsere Ergebnisse transferierbar sind – zum einen transferierbar auf Innovationsprozesse in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, wo kulturelle Ressourcen häufig übersehen werden. Sie sind aber auch nach innen im WZB transferierbar – eine derartige kultursoziologische Perspektive hat auch Potenzial für die Erforschung von Demokratien, von Bildungsverläufen, von Märkten und von Migrationsprozessen, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber für die Transferprozesse, gleichgültig welcher Richtung, braucht es Zeit, weil da Grenzen der jeweiligen Logik, der unterschiedlichen Argumentationsweisen, kurz der Kulturen überbrückt werden müssen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, und wir sind gespannt auf Ihre Kommentare und Fragen.