— Cultural Sources of Newness

Berliner Nacht im Museum

Mit den Installationen von Tue Greenfort hat sich die Berlinische Galerie in diesem Winter ein Thema ins Haus geholt, das auch außerhalb der Museumswände Aufsehen erregt. Drinnen, in der preisgekrönten Einzelausstellung, beschäftigt sich der Künstler mit Glas und Gaslicht und „der Frage nach der Vereinbarkeit von liebgewonnenen (Seh-)Gewohnheiten mit zeitgenössischem Umweltbewusstsein.“ Draußen in der Stadt lässt der Senat das energetisch ineffiziente und fehleranfällige Leuchtmittel gerade durch elektrische Leuchten ersetzen. Was seit 2008 beschlossene Sache ist, versuchen Freunde des Gaslichts mit großem Engagement zu verhindern. Den warmen Schein der Gaslaternen in Westberliner Straßen wollen sie nicht missen und betrachten den beachtlichen Berliner Gaslichtbestand als weltweit einzigartiges Denkmal der Industriekultur.

Die Gasbeleuchtung ist ein Relikt aus einer Zeit, mit der sich Beate Binder besonders gut auskennt. In einem ausstellungsbegleitenden Vortrag sprach die Stadtethnologin gestern in der Berlinischen Galerie über die „Konstitution der Stadt im Licht”.

Carl Saltzmann (1884): Die erste elektrische Straßenbeleuchtung am Potsdamer Platz in Berlin von 1882.

In Wort und Bild

Dabei gilt Binders Interesse insbesondere der Zeit zwischen 1880 und 1930, als die Elektrifizierung und mit ihr das elektrische Licht für großen Wirbel und Wandel in Berlin und anderen europäischen Städten sorgte.

Binder hat die damaligen öffentlichen Reaktionen in der Monografie Elektrifizierung als Vision (1999) nachgezeichnet, um die „Symbolgeschichte einer Technik im Alltag“ zu rekonstruieren. Zeitgenössische Zeitungskommentare sind dabei ebenso aufschlussreich wie Gemälde, Karikaturen und Werbeplakate oder Kulturkritik und programmatische Schriften, wie im Vortrag zu sehen und zu hören.

Städtischer Glanz, verschwenderisch Blendung

Die Publikumsreaktionen auf die Elektrifizierung lassen sich nicht auf eine Bedeutung oder Lesart reduzieren. Stattdessen spannt sich ein Netz aus Diskursen für und wider das neue Licht aus Glühbirnen oder Bogenlampen (siehe Bild), das Zeitgenossen mal als glanzvollen Luxus, mal als „gleißend hell“ und verschwenderisch empfanden.

Was zunächst als Festbeleuchtung gefeiert und bestaunt wurde, entwickelte sich zum prägenden Element großstädtischer Alltagskultur. Am Beispiel Berlins macht Binder deutlich, wie das elektrische Licht im Zuge der Urbanisierung und Industrialisierung den neuen Rhythmus städtischen Lebens prägte und sowohl das Stadtbild, als auch die Atmosphäre nächtlicher Straßen veränderte. Im Wechselspiel von politischen und kommerziellen Lichtinszenierungen, hell erleuchteten Zentren und Dunkelzonen, die umso mehr als Problembezirke und Peripherie wahrgenommen wurden, fand die moderne Stadt einen neuen, physisch erfahrbaren Ausdruck.

Stadtgesellschaft gespiegelt im Takt und Schein des Neuen

Die Innovation wird so zum Schrittmacher und zugleich zum Instrument der Selbstreflexion einer Gesellschaft im Umbruch. Kulturkritik entzündet sich an Individualisierungstendenzen in der modernen Metropole und findet ihren Gegenstand im Lichtschalter und der elektrischen Beleuchtung. Letztere wird hier mit sozialer Kälte assoziiert und dem Familienidyll im schwachen, aber heimeligen Schein von Öllampe und Kerzen entgegengesetzt. Andererseits entlädt sich im Lobpreis des elektrischen Lichts auch Fortschrittsbegeisterung, wie Binder mit dem Zitat eines Zeitzeugen verdeutlicht.

„Tritt man ein, wo dieses Licht herrscht, ist es als käme man nicht in einen neuen Stadtteil, sondern in eine neue Epoche, und steht man abends am Potsdamer Platz und lässt den Blick erst an den beiden Lichterreihen der Leipziger Straße hinschweifen und sieht dann in die lange Potsdamer Straße, die sich heute mit ihrem gewöhnlichen – vor zwanzig Jahren noch so grellen – Gaslaternen im Vergleich zur Leipziger wie die dunkle Hauptstraße einer Handelsstadt des letzten Jahrhunderts ausmacht, da ist es dem Betrachter zumute, als trete er aus dunklen vergangenen und vergehenden Zeiten der Barbarei in ein neues Zeitalter, dessen Wesen Licht ist und die Freude über das Licht.“ (G. Brandes: Atemzüge einer Weltstadt (1882), in Binder 2007, S. 22)

Elektrifizierung in Berlin-Neukölln. Gaslichtleuchte (r.) weicht LED im Gaslicht-Look. (Foto: N. Schulte-Römer)

Vertraute Innovation

Tritt man aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, dann erscheint der Potsdamer Platz heute noch heller und bunter. Licht emittierende Dioden, kurz LEDs, im Zeltdach des Sony Centers machen es möglich. Allerdings verändert nicht nur die technische Innovation die Stadt, wie Binder beschreibt, sondern die Stadt auch die Technik – ein Zusammenhang, dem ich in meinem Promotionsprojekt nachgehe.

Die Berliner Gas-Aufsatzleuchten, die auch Tue Greenfort in die Berlinische Galerie geholt hat, sind hierfür beispielhaft. In der Ausstellung ebenso wie auf Kreuzberger und Neuköllner Straßen werden LED Halbleiterchips so verbaut, dass sie die Gasleuchten aus den 1950er Jahren beinahe perfekt imitieren (Leuchte links im Bild). Dass dabei lichttechnisch gesehen kein optimales Ergebnis erzielt wird, weil die LEDs nicht ganz so effizient verbaut sind, wie sie verbaut sein könnten, ist politisch gewollt. Das Stadtbild soll erhalten werden, betonten Senatsvertreter.

So wird heute wieder die Stadt in der Technikdiskussion verhandelt, doch diesmal bleibt Berlin vertraut. Nicht nur unter der Laterne, sondern auch am Schlossplatz scheint die allgemeine Technikbegeisterung von damals einer Sehnsucht nach altem Glanz und vertrauter Atmosphäre gewichen. Das drückt sich auch in musikalischen Referenzen aus: Während das Gaslicht in aktuellen Zeitungsartikeln mit Verweis auf den Weltkriegshit Lili Marleen besungen wird, passte 1928 zur Feier der Elektrifizierung Berlins ein flotter Foxtrott von Kurt Weill. So beendete auch Beate Binder ihren Vortrag mit dem Berlin im Licht“-Song: “Und zum Spazierengehen genügt das Sonnenlicht. Doch um die Stadt zu sehen, genügt die Sonne nicht…”