— Cultural Sources of Newness

Metamorphosen der Kritik

Vier Referentinnen (die Mehrzahl weiblich) sitzen an jedem Tisch, vier solche Tische sind im Quadrat im großen Saal aufgestellt. Die Vier vertreten eines von vier Feldern der Kritik – Sozialkritik, Kunstkritik, Kulturkritik und alle Varianten von Kritik, die im Internet verbreitet werden. Die Frage, auf die sie in kurzen Statements reagieren sollen, ist immer die gleiche: Wie verändert sich Ihr Kritikfeld? Was hat das mit den anderen Kritikfeldern zu tun? Ist es gerechtfertigt, von Metamorphosen der Kritik zu sprechen?

 

Metamorphosen: WZB

Photo: Ludmilla Morozowa-Buss

Mich interessierten die Antworten auf diese Frage, denn alle diese Varianten von Kritik sind tief eingegraben in das Verständnis des ständigen Innovationsprozesses, der unsere Gesellschaft vorantreibt. Jede Neuerung, sei es eine Reform des Wahlrechts, eine Energiesparlampe oder eine Operninszenierung, setzt sich stark institutionalisierten Prozessen der Wertung aus. In diesen Prozessen werden einerseits externe Maßstäbe angelegt, andererseits werden intern Wertzuschreibungen fabriziert. Beide Wertungsvarianten, die scheinbar neutrale Evaluation und die offen Partei ergreifende Valorisierung, bestimmen, wo, wie und wann das Neue in die Welt kommt. Beide, Evaluation und Valorisierung, kommen häufig unter dem Namen “Kritik” vor. In der Sozialtheorie ist die Rolle der Kritik besonders virulent, weil nicht nur die verschiedensten sozialen Varianten der Kritik Gegenstand der Forschung sind, sondern die Theorie auch ihre eigene Rolle als eine kritische Theorie reflektiert.

Könnte man also Experten nach Veränderungen in ihren verschiedenen Kritikfeldern fragen, und würden sie sich gegenseitig befragen? Das Kolloquium, das am 30. Und 31.Januar 2014 im WZB stattfand, war eine Versuchsanordnung, in der genau das geschah: Jeder der vier Co-organisatoren wählte drei Referentinnen aus, die Erfahrungen aus ihrem Kritikfeld mitbrachten.

Kunstkritik, gleichgültig für welches Genre, ist ein offensichtliches Beispiel für hochgradig formalisierte, in spezialisierten Medien verbreitete Werturteile über Neuerscheinungen. Isabelle Graw, Professorin für Kunstkritik an der Städelschule Frankfurt, beschäftigt sich seit Langem mit der wertbildenden Wirkung dieser ästhetischen Urteile und war deshalb Mitinitiatorin der Veranstaltung.  Sie lud eine Kunstredakteurin (Kia Vahland), eine Kunsthistorikerin (Beate Söntgen) und eine Kunstphilosophin (Ruth Sonderegger) ein. Kulturkritik, als wissenschaftliche Disziplin, verfolgt die eigene Geschichte von der Antike bis in zeitgenössische Debatten der Ethnologie. Thomas Macho, Professor für Kulturgeschichte an der HU Berlin, kam mit Rebecca Ladewig, einer jungen Kulturwissenschaftlerin, die den Bogen der Beschäftigung mit Werturteilen von Kant bis Roland Barthes spannte, Maria Schmid, der Direktorin des Museums der Kulturen in Basel und Uwe Justus Wenzel, dem Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften in der Neuen Zürcher Zeitung. Auch Kathrin Passig, freie Berliner Autorin zu vielen Themen der Internetentwicklung, war zu begeistern und holte Mitstreiter, die Entwicklungen des kritischen Schreibens im Internet, insbesondere bei Film und Literatur,  darstellen können: Ekkehard Knörer, Stephan Potrombka und Felix Stalder. Für die Tischseite, die die Sozialkritik vertrat, hatte ich drei Kolleginnen von der HU Berlin eingeladen: für die kritische Sozialtheorie Rahel Jaeggi, für die pragmatische Soziologie der Kritik Tanja Bogusz, und für Formen des aktiven, räumlich wahrnehmbaren sozialen Protests Henrik Lebuhn.

Jedes der vier Panels hatte gleich viel Zeit, um seine Sicht der Kritikveränderung darzustellen.  Die Diskussionen dauerten dabei meist länger als die Statements. Das Spektrum der herangezogenen Literatur reichte von Immanuel Kants “Kritik der Urteilskraft” bis zu Lisa Gitelmans “Raw Data is an Oxymoron”. Doch worin lag der Bezug zur Wertungskultur? Was wussten die Kritikspezialisten über die Eigenart desjenigen Vorgangs, der Neuheit überhaupt erst ermöglicht?

Was die Vorgehensweise beim kritischen Urteilen angeht, so ergab sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Die Methode wurde immer wieder als eine Bewegung zwischen Teilhabe und Distanz beschrieben. Zum einen muss es der oder dem Urteilenden gelingen, seinem Gegenstand so nahe zu kommen, dass auch die affektive, von subjektiven Emotionen getragene Dimension des Geschehens zum Ausdruck kommt. Zum anderen braucht das Urteil die Reflexion und den Vergleich, ohne allerdings je letzte Wahrheiten zu erreichen. Im Verhältnis zum Gegenstand der Kritik fällt das Fazit eher zweigeteilt aus: Der einen Schule der Kritik geht es darum, das Neue zu formulieren und zu fordern. Politische, wirtschaftliche oder ästhetische Handlungen werden an Normen gemessen, die das Ausmaß der Abweichung erst deutlich machen. Die kritische Wertung erschafft also selbst das Neue als eine Art Idealzustand, um damit die realen Akteure zu Verbesserungen zu motivieren. Auch neue Formen des Protests gegen Missstände werden dazu erfunden.  So verstehen sich weite Teile der Sozial- und der Kulturkritik, auch in der Kunstkritik ist diese Herangehensweise gängig. Einer anderen Schule der Kritik geht es dagegen eher darum, das Neue zu erkennen und es zu bewerten. Dieser Ansatz findet sich unter den Kritikern, die ständig neuen Filmen, Büchern, Zeitschriften, Musikaufnahmen oder Bildern ausgesetzt sind, vor allem bei denjenigen, die mit der steigenden Flut der Novitäten  im Internet konfrontiert sind. Allein die Selektion genügt hier, den Link kann dann der Leser, etwa von perlentaucher.de, selbst besorgen. An die Stelle des Großkritikers, der in seiner Person ethische oder ästhetische Normen verkörpert, schiebt sich zunehmend ein Gefüge an gegenseitigen Verweisen, mit einer Mischung aus aufsummierten Rangzuweisungen und kurzen, bewusst subjektiven Kommentaren. Erst in der Summe aus diesen “winzigen Kritikbildungen”, wie das Kathrin Passig nennt, ergibt sich für Außenstehende die Wertung. Felix Stalder formuliert das so: “Im Internet sind ganze Affektivitätsgruppen, die gemeinschaftlich Urteile fällen, das neue Normale. Die Koordination dieses Vorgangs durch Algorithmen rückt dann ins Zentrum der Kritik.”

Die Metamorphose der Kritikkultur, so scheint es, ist in vollem Gang. Selbst die Kulturkritik, der von einigen Teilnehmern noch die “Geste des Abschieds” zugerechnet wurde, beginnt sich zunehmend für das noch nicht Erschienene, für das “nächste große Ding” zu interessieren.  Das Kolloquium machte es möglich, eine Momentaufnahme dieses Veränderungsprozesses zu generieren.

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