— Cultural Sources of Newness

Über die Wertschätzung von Altem und Neuem

Vor ein paar Tagen konnte ich dabei sein, als die Mitarbeiter des Amts für öffentliche Beleuchtung von Lyon in einem Park Lichtinstallationen ausprobierten – in Vorbereitung auf die Fête des Lumières, das renommierte Lichtfest der Stadt. Dabei fiel immer wieder ein Ausdruck, der mir so gut gefiel, dass ich ihn im Wörterbuch nachgeschlagen habe:

Mettre en valeur: erschließen; nutzbar machen; hervorheben; zur Geltung bringen; arbeiten lassen…

In Abteilungsdiskussionen betrachten wir ‘Valorisierung als eine Voraussetzung für den Übergang von Invention zu Innovation. Nun ist die Innovation, die mich interessiert, ein technisches Artefakt, nämlich die Leuchtdiode (Licht Emittierende Diode) im Bereich der Außenbeleuchtung. Im oben angesprochenen Fall wurden LEDs in unterschiedlichen Ausführungen (Strahler, Lichtketten und -leisten) genutzt, um eine Treppe im Park, einzelne Bäume oder eine Hauswand hervorzuheben bzw. “in Wert zu setzen”.

Neuentdeckung der Dinge

Beleuchtungsexperten bei der Arbeit im Jardin de la Grand Côte

Nun ist es nicht so, dass all diese Dinge nicht bereits ihren Wert besäßen. Die Treppe ist stark frequentiert und daher von zentraler Bedeutung für die Bewohner des Viertels Croix Rousse. Die Bäume konstituieren den Park als einen Ort der Erholung innerhalb der Stadt. Die Hauswand schützt die Bewohner dahinter vor Kälte, Wind und ungebeten Blicken (Diese Errungenschaft weiß besonders zu schätzen, wer im schlecht isolierten Glashaus sitzt).

Doch zurück zu meinen Leuchtdioden: Welche Auswirkung hat die mise en valeur im Park mittels Licht auf die Valorisierung der technischen Innovation LED? Zunächst einmal erlaubt sie eine neue Perspektive – sowohl auf das nächtliche ‚soziale Leben’ der Dinge im Park, das sich oft von der alltäglichen Nutzung und Wertschätzung unterscheidet, als auch auf ihre Materialität. So ist der Baumstamm plötzlich nicht mehr nur das Holz, das eine Krone aus gerade noch bunten Blättern trägt. Als rot, grün oder blau illuminiertes Objekt in der Nacht, ist er dann auch wunderschön anzuschauen. Und auch die angestrahlten Äste werfen keine unheimlichen Schatten mehr.

Wechselseitige Aufwertung

Um den Park in Szene zu setzen, wird einiger Aufwand betrieben. Wie ich beobachten konnte, scheuen die Lichtexperten Lyons keine Mühen, um beim Lichtfest vom 8. bis 11. Dezember mit Hilfe der LEDs und der Dinge im Park einen Aha-Effekt zu erzielen.

Meine Eindruck ist, dass abgesehen von Material- und Arbeitsaufwand auch eine Art ‘Wertwechselstrom‘  zwischen den LEDs und den festlich illuminierten Dingen fließt. Denn die Diode verleiht nicht nur Treppe, Baum und Hauswand einen neuartigen sinnlichen Wert, der sich in Passanten-Kommentaren äußert. Auch die LEDs selbst werden erst durch diesen Effekt zur Geltung gebracht. Zur Geltung kommen im Rahmen des Festivals insbesondere technische Effekte, die ohne LEDs nicht möglich wären – z.B. ferngesteuerte Farbwechsel, eine klare Fokussierung der Illumination und ihre Brillanz. Wer sich nach dem ersten Aha-Effekt wundert und nach Ursachen forscht, stößt also unweigerlich auf die LED-Technologie und ihre Vorzüge gegenüber herkömmlichen Lichtquellen.

So verstehe ich auch zwei Stadtforscher aus Lyon, die allgemein über Stadtbeleuchtung schreiben: «Le paysage ne prend de valeur que par la qualité des perceptions qu’il génère. Cette tendance, permise par le développement des techniques et entretenant cette dynamique d’innovation, se met modestement au service des usagers… » (Deleuil und Toussaint 2000: 57)

Ich übersetze ganz frei und ergänze aus dem Artikelkontext: Die Stadtlandschaft kommt erstzur Geltung und Bedeutung [valeur] durch die Qualität der Eindrücke, die sie bietet. Die neuen Tendenzen im Bereich öffentlicher Beleuchtung, die durch die technische Entwicklungen ermöglicht werden und die Innovationsdynamik am Laufen halten (meine Hervorhebung), stellen sich unprätentiös in den Dienst der Nutzer städtischer Räume.

Realität des Zusammenspiels statt Reihenfolge des Zusammenkommens

Nun scheint mir die wechselseitige Valorisierung ähnlich unzertrennlich und schwierig festzunageln wie die Unterscheidung zwischen Ding und Medium. Je nach Fokus, werden entweder Nutzen, Form oder Bedeutung wertschöpfend ins Licht gerückt, oder aber die vermittelnde Performance der Technologie geschätzt. Lohnt es sich analog zu Huhn und Ei danach zu fragen, wo die Valorisierung ihren Anfang nimmt?

Montée de la Grande-Côte ohne Festbeleuchtung

Im Hinblick auf die Beleuchtungs-Probe an jenem Abend im Park, scheint mir ein solches Vorhaben müßig: Da wurden LED-Röhren vom letzten Festival aus dem Auto gezaubert, Farbentscheidungen vor Ort getroffen, die Lichtsteuerung im Hinblick auf die Parkmorphologie diskutiert und hin und her überlegt, wie die Lichteffekte wohl ankommen, wenn erst das Laub von Bäumen und Büschen gefallen ist. Wie ließen sich hier generelle Aussagen machen über die Reihenfolge des Zusammenkommens von In-Wert-Setzung und Anerkennung der LED als Neuheit, welche die Realisierung des spezifischen Designkonzepts erst erlaubt?

Dagegen lassen sich durchaus Aussagen machen über die spezifischen Beziehungen zwischen Park-Dingen, Beleuchtungskonzept, Dunkelheit, Lichttechnik und -technikern und den Passanten. Die Frage ist dann: Wie können sich spontane, kurzfristige oder singuläre Valorisierungsbezüge stabilisieren? Die Huhn-Ei-Frage ist damit zurückgestellt. Stattdessen gilt es zu verstehen, welche mises en valeur im Zuge der Probe oder des Festivals neu ermöglicht werden – eine Frage der Realität des Zusammenspiels.

 

Referenz: Deleuil, J.-M. und J.-Y. Toussaint (2000). “De la sécurité à la publicité, l’art d’éclairer la ville.” Les annales de la recherche urbaine 87, 52-58. Die Autoren leiten die interdisziplinäre Forschungsgruppe “Umwelt, Stadt, Gesellschaft”, EVS-ITUS (INSA Lyon)